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CFP: Die (hyper-)diplomatische Transkription und ihre Erkenntnispotentiale

Call for Interest: Beiträge gesucht für den Workshop vom 5. - 7. Februar 2020 "Die (hyper-)diplomatische Transkription und ihre Erkenntnispotentiale"

Heute zeigt sich in vielen Editionsprojekten die Tendenz, immer
überlieferungsnähere Transkriptionen zu erstellen. Derlei diplomatische
oder gar hyperdiplomatische Repräsentationsformen können beispielsweise
paläografisch, linguistisch oder literaturwissenschaftlich motiviert
sein sowie in Intensität und Fokus auf makro- oder mikroskripturale
Phänomene (Layout vs. Schriftgestaltung, u.ä.) variieren. Das Ziel der
Methode scheint in digitalen Editionen aber oftmals das gleiche: Die
visuelle Nachahmung der originalen Schriftspur bzw. Dokumenttopografie
oder die Konstruktion einer modellgeleiteten Form als schließlich
edierter und publizierter Text im WWW, wobei die diplomatische
Befundaufnahme die Grundlage mehrerer (normalisierender)
Präsentationsschichten sein kann.

Was in der Transkription maschinenlesbar und prozessierbar erfasst wird,
mündet also zunächst in einer primär menschen-orientierten Präsentation
bzw. in einem typografischen Ausdruck, den man in ähnlicher Form auch in
Druckeditionen erstellen und der Leserschaft darbieten kann. Die durch
die Codierung des diplomatischen Befundes entstandenen
informationsreichen Daten und ihre analytischen Potentiale bleiben damit
aber untergenutzt und die Editionen hinter ihren "digitalen
Möglichkeiten" zurück.

Einerseits liegen unausgeschöpfte Potentiale in quantitativen Analysen
des diplomatischen Befundes, beispielsweise in statistischen
Auswertungen und Visualisierungen textkritischer Phänomene (z. B.
Streichungen, Ersetzungen, u. ä.) oder gestalterischen Ausdrucksformen
(z. B. Schriftarten, Schriftformen), die möglicherweise zu neuen
Erkenntnissen über die Überlieferung führen (z.B. Chronologie bzw.
Genese von Dokumenten, Schreiberidentifikation, Datierung). Andererseits
kann man aus quantitativ-qualitativer Perspektive Kookkurrenzen
materiell-visueller Phänomene und anderer Dimensionen von Text
analysieren wie etwa den Zusammenhang zwischen Gestaltung und Textgenres
(z. B. typografische Dispositive und literarisches Genre) oder zwischen
linguistischer Textdimension und materialer Ausdrucksform (z. B. Sprach-
und Schriftwechsel). Jenseits dieser konkreten Ansätze wäre sogar an
Untersuchungen und Analysen zu denken, die bisher noch nicht einmal in
Grundzügen erkennbar sind. Vielleicht kann die systematische
Untersuchung von skriptografischen Phänomenen, Strukturen und Mustern in
Verbindung mit Textsorten, Produktionsweisen oder historischen
Bedingungen neue Einblicke in die Genese und Transmission von Texten
eröffnen und Korrelationen und Abhängigkeiten dieser Dimensionen
aufdecken. Neben derlei Verfahren kann eine analytische Perspektive aber
auch die Nutzung einer Edition bereichern, z. B. wenn der diplomatische
Befund als Index oder Informationsvisualisierung fungiert, über den ein
materialzentrierter Zugang zu den edierten Quellen entsteht.

Der für 5. - 7. Februar 2020 geplante Workshop zu Erkenntnispotentialen
(hyper-)diplomatischer Transkriptionen wird an der*Bergischen
Universität Wuppertal*im Rahmen des Graduiertenkollegs 2196 Dokument -
Text - Edition in Kooperation mit der "Berlin-Brandenburgischen Akademie
der Wissenschaften" und dem "Institut für Dokumentologie und
Editorik" durchgeführt. Die Veranstaltung soll Expert/innen und
Interessierte zusammenführen und den Themenkreis durch Präsentationen
und Diskussionen zu allgemeinen theoretischen und methodischen Fragen
sowie anhand von Fallbeispielen ausleuchten. Das Workshopformat wird
durch gemeinsames praktisches Arbeiten an bereits bestehenden Daten in
Form eines experimentell gestalteten Hackathons ergänzt.

Für den Workshop werden Beiträge der folgenden Arten gesucht:

  - Daten, d.h. detaillierte, quellennahe Transkriptionen
  - Analytische Fragestellungen an diplomatische Transkriptionen, die
    beispielsweise aus paläografischer, linguistischer,
    kulturwissenschaftlicher oder literaturwissenschaftlicher
    Perspektive kommen und algorithmisch zu operationalisieren wären
  - Theoretische und methodische Ansätze, die nicht nur die
    Befundverzeichnung, sondern (vor allem) auch ihre Analysepotentiale
    betreffen
  - Fallbeispiele, d.h. konkrete Editionsprojekte, in denen das
    analytische Potential diplomatischer Transkriptionen fruchtbar
    gemacht werden soll

Interessierte werden gebeten, sich bis zum 6.11.2019 mit einer formlosen
Mitteilung (½ Seite Beitragsbeschreibung) bei Frederike
Neuber
(neuber@bbaw.de) und/oder Patrick Sahle (sahle@uni-wuppertal.de)
zu melden.zu Erkenntnispotentialen
(hyper-)diplomatischer Transkriptionen